{"id":1139,"date":"2020-05-11T10:28:40","date_gmt":"2020-05-11T09:28:40","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=1139"},"modified":"2020-10-28T17:19:29","modified_gmt":"2020-10-28T16:19:29","slug":"sag-niemals-nie-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=1139","title":{"rendered":"Sag niemals nie nicht!"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Richard Peters<\/em><\/p>\n<p><em>Aus dem Englischen von Julia Harwardt<\/em><\/p>\n<p>Vor langer, langer Zeit in einer weit entfernten Galaxie, deren Bewohner nichts von Selbstisolierung wussten und au\u00dferhalb ihrer eigenen vier W\u00e4nde frei und ohne Angst vor einem Virus umherstreunten, stolperte eine Kollegin von mir in einer M\u00fcnchner Brauerei \u00fcber einen Bierdeckel mit der Aufschrift:<\/p>\n<p>Bei uns hod no nia ned koana koa Bier ned drunga!<\/p>\n<p>Diese im sch\u00f6nsten Bayrisch verfassten Worte unsterblicher Weisheit weckten nicht nur ihren Durst, sondern auch ihre linguistische Neugier. Wie sie schlie\u00dflich mit einiger M\u00fche entschl\u00fcsselte, war ihre Bedeutung, sogar f\u00fcr eine Brauerei, fast schon banal: \u201eBei uns hat noch niemand kein Bier getrunken!\u201c<\/p>\n<p>N\u00fcchtern auf den Punkt gebracht verliert dieser Spruch nat\u00fcrlich seinen Charme der barock-verdrehten Anspielung auf die, wenn man so will, \u201egute alte (urbayrische) Zeit\u201c, als man noch unbeschwert in fr\u00f6hlicher Runde die eine oder andere Mass Bier genoss.<\/p>\n<p>Meine Kollegin schob diesen melancholischen Gedanken an eine vergessene Welt jedoch schnell beiseite \u2013 sicherlich mit Hilfe eines gro\u00dfen Schlucks besagten fermentierten Getr\u00e4nks \u00ad\u2013 und unterzog den Spruch einer n\u00e4heren Untersuchung: Wieso erw\u00e4rmt dieser Satz dem Leser trotz der zahlreichen Verneinungen so kunstvoll das Herz?<\/p>\n<p>Wir haben es hier mit sage und schreibe f\u00fcnf Verneinungen zu tun: \u201eno nia\u201c (noch nie), \u201ened\u201c (nicht), \u201ekoana\u201c (keiner), \u201ekoa\u201c (kein) und zum kr\u00f6nenden Abschluss ein letztes \u201ened\u201c (nicht). Und dennoch gr\u00e4bt sich der menschliche Geist tapfer durch all diese Negativit\u00e4t hindurch und erfasst am Ende die eigentliche Aussage \u201eBier ist gut \u00ad\u2013 und jeder mag es\u201c. Wie geht das? Haben wir es hier wom\u00f6glich mit einer allein den Bayern vorbehaltenen Sprachbesonderheit zu tun?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-1133\" src=\"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Beermat.jpg\" alt=\"\" width=\"502\" height=\"452\"><\/p>\n<p>Die englische Sprache verabscheut die Aneinanderreihung von Verneinungen. Zumindest machte uns das im 18. Jahrhundert der englische Bischof und Gelehrte Robert Lowth glauben, als er 1762 in seiner <em>Kurzen Einf\u00fchrung in die englische Grammatik<\/em> schrieb:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eIm Englischen heben sich zwei Verneinungen gegenseitig auf oder ergeben eine positive Aussage.\u201c<\/p>\n<p>Leider konnte mit Lowths Liebe zur Grammatik nur seine Begeisterung mithalten, andere \u00ad\u2013 sogar ber\u00fchmte Schriftsteller und Dramatiker \u2013 allein auf Grundlage seines pers\u00f6nlichen Geschmacks f\u00fcr ihren Sprachgebrauch zu kritisieren. In seiner Sprachkolumne schrieb <a href=\"https:\/\/www.economist.com\/books-and-arts\/2020\/02\/13\/the-original-sins-of-grammarians-still-plague-the-rulebooks\"><em>The Economist<\/em><\/a> dazu k\u00fcrzlich: \u201eLowth gilt als Urheber einiger der anachronistischsten ungerechtfertigten Regeln der englischen Sprache \u2013 Verbote, die selbst zu der Zeit, als er sie erlie\u00df, keinerlei G\u00fcltigkeit hatten und dennoch Jahr f\u00fcr Jahr jedem Schulkind erneut vorgesetzt werden.\u201c<\/p>\n<p>Jeder, der heute etwas auf Englisch verfasst, darf sich deshalb mit willk\u00fcrlichen Konventionen wie \u201eBeende niemals einen Satz mit einer Pr\u00e4position\u201c (eine andere Perle aus der Lowth\u2019schen Schatzkiste) herumschlagen und steht vor der fast schon zur Tugend erh\u00f6hten Erwartung, keinesfalls mehr als eine Verneinung zu verwenden \u2013 obwohl dies im gesprochenen Englisch sowie im m\u00fcndlichen und schriftlichen Gebrauch in vielen anderen Sprachen gang und g\u00e4be ist. Ich muss niemals nicht kein Bayer sein, um kein Bier ohne Verneinungen niemals nicht mehr zu trinken!<\/p>\n<p>Ziemlich sicher w\u00fcrde unser Freund aus dem 18. Jahrhundert seine prinzipientreue Grammatikernase r\u00fcmpfen angesichts dieses tiefsinnigen bayrischen Werbespruchs, der meine Kollegin so faszinierte \u2013 zumindest, wenn wir ihn hierher zu uns ins moderne Mitteleuropa beamen k\u00f6nnten. Gl\u00fccklicherweise geh\u00f6rt diese M\u00f6glichkeit der Welt der Fantasie an \u2013 bedauerlicherweise jedoch vorerst auch die Aussicht, dass ich mich selbst auf Spurensuche in besagte Brauerei begeben kann.<\/p>\n<p>Wie die Materie mit der Antimaterie hat die doppelte Verneinung, die letztlich eine Bejahung bedeutet, in der Theorie nat\u00fcrlich einen Gegenpart: die doppelte Bejahung, die folglich eine Verneinung ergeben m\u00fcsste, in der Natur jedoch so nicht auftritt. In diesem Punkt ist Sprache wie Mathematik: Wie wir aus Schulzeiten wissen, steht bei der Multiplikation von zwei negativen Zahlen am Ende ein positives Ergebnis. Und mit Sprache ist es genauso, denn so etwas wie eine doppelte Bejahung gibt es schlichtweg nicht, oder? Ja, genau.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprache verh\u00e4lt sich oft anders, als wir es in der Schule gelernt haben. Nehmen wir die doppelte Verneinung: Im schriftlichen Englisch wird sie vermieden, nicht aber im m\u00fcndlichen Gebrauch. Richard Peters geht der Verneinungsformel auf den Grund.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1131,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[432,431,273],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1139"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1139"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1139\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1267,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1139\/revisions\/1267"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1131"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1139"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1139"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1139"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}