{"id":1587,"date":"2022-06-30T09:51:54","date_gmt":"2022-06-30T08:51:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=1587"},"modified":"2022-06-30T09:51:54","modified_gmt":"2022-06-30T08:51:54","slug":"frueh-uebt-sich-9-jaehriger-dolmetscher-rettet-gestrandeten-ukrainer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=1587","title":{"rendered":"Fr\u00fch \u00fcbt sich: 9-j\u00e4hriger Dolmetscher rettet gestrandeten Ukrainer"},"content":{"rendered":"<p>Von Maria Wolf<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der geb\u00fcrtige Ukrainer war im Mai 2018 mit seiner Tochter nach Deutschland gekommen, um als Zeitzeuge und \u00dcberlebender der Dachauer Au\u00dfenlager der Einweihung der KZ-Gedenkst\u00e4tte M\u00fchldorfer Hart beizuwohnen. Klein Wolf Peters unterst\u00fctzte die Veranstaltung mit seinem Dolmetscherteam f\u00fcr die englisch-, franz\u00f6sisch-, russisch- und ungarischsprachigen Teilnehmer. In einer Pause erz\u00e4hlte uns Volodymyr Dshelali von seiner beschwerlichen Anreise. Als er und seine Tochter endlich die Koffer vom Gep\u00e4ckband gezerrt hatten und sich hinter der Schiebet\u00fcr des Sicherheitsbereichs ersch\u00f6pft der F\u00fcrsorge des Fahrers vom Bayerischen Staatsministerium anvertrauen wollten, war dieser in der Menschentraube der wartenden Abholer nicht mehr zu finden. Der Flug hatte f\u00fcnf Stunden Versp\u00e4tung. Niemand f\u00fchlte sich f\u00fcr den schm\u00e4chtigen Mann und seine Begleiterin zust\u00e4ndig. Weder er noch seine Tochter sprachen Deutsch oder Englisch. Auf ihren Unterlagen stand lediglich, dass sie abgeholt werden w\u00fcrden. Was nun?<\/p>\n<p>Aus der Menge der Umstehenden war es schlie\u00dflich ein 9-j\u00e4hriger, in M\u00fcnchen zweisprachig aufgewachsener Russe, der auf das verlorene Paar aufmerksam geworden war und ihre Not erkannte. Nikolaj (Name v. d. Red. ge\u00e4ndert) sprach sie auf Russisch an, erkundigte sich, wen sie suchten und half ihnen, den Fahrer ausfindig zu machen. \u201eEin Engel, ein Dolmetscher wie Sie!\u201c, schloss Volodymyr schmunzelnd seine Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Das war 2018. Aus heutiger Perspektive ist diese ber\u00fchrende Geschichte kein Einzelschicksal mehr. Hunderttausende Ukrainer haben in diesem Jahr noch schlimmere Odysseen hinter sich und konnten am Ziel ihrer Reise nicht immer auf Abholung hoffen. Viele unserer Russisch- und Ukrainisch-Kollegen sind im Dauereinsatz, um die Ankommenden zu unterst\u00fctzen, meist weit \u00fcber die reine Dolmetschleistung hinaus. Nicht selten vermischen sich in solchen Situationen sprachmittlerische mit sozialen Diensten, die das sprachliche, fachliche und interkulturelle Kompetenzrepertoire ausgebildeter Dolmetscher \u00fcbersteigen. Professionelle Dolmetscher kennen ihre Grenzen und wahren die berufsethischen Grunds\u00e4tze der Neutralit\u00e4t. In manchen Situationen ist man dennoch geneigt, sich f\u00fcr seine Klienten \u00fcber die Sprachmittlung hinaus einzusetzen, bei Anlaufstellen Druck zu machen, zu beraten, ihnen bei der Unterkunftssuche zu helfen oder einfach auch nur mal ein empathisches Ohr zu leihen, ohne das Geh\u00f6rte weiterzugeben \u2013 ein nicht zu untersch\u00e4tzender Wert eines menschlichen (vs. Smartphone-)Dolmetschers, \u00fcbrigens auch in weniger dramatischen Kontexten.<\/p>\n<p>Im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch am Rande von Veranstaltungen kann man als Dolmetscher mit dem Herzen zuh\u00f6ren und damit oft eine Verbindung, ein Gef\u00fchl des Aufgehobenseins schaffen, das zum Wohlbefinden der sprachlich oft isolierten Teilnehmer beitr\u00e4gt und so manches Eis bricht. Nebenbei erf\u00e4hrt man unvorstellbare Lebensgeschichten wie die von Volodymyr Dshelali (https:\/\/www.kz-gedenkstaette-dachau.de\/nachrichten\/volodymyr-dshelali-1925-2020\/), der sich als Jugendlicher in der Ukraine dem Widerstand anschloss, nach eigenen Angaben beim \u201eHerumschrauben\u201c an deutschen Wehrmachtsfahrzeugen erwischt, verhaftet und 1942 mit 17 Jahren nach Deutschland verschleppt wurde. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch als Zwangsarbeiter im Saarland wurde er im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Kurz vor Kriegsende gelang ihm schlie\u00dflich die Flucht aus einem Arbeitskommando des Au\u00dfenlagers M\u00fchldorfer Hart. Bis zum Eintreffen der US-Army hielt er sich bei einem Bauern versteckt und \u00fcberlebte so die menschenverachtenden Bedingungen des Lagers.<\/p>\n<p>In zahlreichen lyrischen Werken verarbeitete der vielseitig talentierte sp\u00e4tere Musiklehrer seine Kriegserlebnisse. Als wir am Ende der Veranstaltung mit ihm und seiner Tochter noch auf einen Kaffee beisammensa\u00dfen, las er uns einige seiner russischen Gedichte vor. Der Sprache nicht m\u00e4chtig, konnte ich mich nur am Klang erfreuen. Das bescheidene, liebevolle, verschmitzte L\u00e4cheln, das seine Worte begleitete, lie\u00df nicht erahnen, wovon seine Gedichte handeln. Es war ihm ein Anliegen, Schicksale, Leiden und Tod von Verfolgten und Ermordeten unvergessen zu machen. Mehrmals besuchte er Dachau als Zeitzeuge und mahnte in seinen Reden immer wieder vor Krieg und Gewalt. Am 13. November 2020 starb Volodymyr Dshelali in seiner Heimatstadt Mariupol. 2022 blieb ihm erspart.<\/p>\n<p>Die Veranstaltung ist vier Jahre her, aber die Begegnung mit Volodymyr Iwanowitsch Dshelali, seine Lebensgeschichte und sein Zeitzeugnis bleiben unvergessen und in ihrer Botschaft hoch aktuell. Die Menschheit produziert vielerorts t\u00e4glich neue Zeitzeugen. Ihre Geschichten sind wichtig und sollten weltweit verbreitet werden, auch wenn sie vielfach auf taube Ohren sto\u00dfen. Als \u00dcbersetzer und Dolmetscher tragen wir gerne dazu bei, sie f\u00fcr alle verst\u00e4ndlich zu machen, damit m\u00f6glichst viele Menschen daraus Mahnung, Mut und Hoffnung sch\u00f6pfen. Vielleicht wird auch Nikolaj eines Tages als Dolmetscher Zeitzeugnisse dieser Art dolmetschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er hatte 17 Stunden Zugfahrt vom Ostzipfel der Ukraine bis Kiew, f\u00fcnf Stunden Wartezeit und drei Stunden Flug in den Knochen \u2013 und noch gut zwei Stunden Autofahrt vor sich. Alles, wonach sich der 94-J\u00e4hrige sehnte, war ein warmes Bett. <\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":1588,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[135,658,657,656],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1587"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1587"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1587\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1590,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1587\/revisions\/1590"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1588"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1587"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1587"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1587"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}