{"id":1610,"date":"2022-07-29T10:12:06","date_gmt":"2022-07-29T09:12:06","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=1610"},"modified":"2022-07-29T10:47:20","modified_gmt":"2022-07-29T09:47:20","slug":"kurator-meines-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=1610","title":{"rendered":"Kurator meines Lebens"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Colin Rae<\/em><br \/>\n<em>Aus dem Englischen von Gerfried Ambrosch<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor einundzwanzig Jahren \u2013 ich war ungef\u00e4hr halb so alt wie heute \u2013 begab ich mich auf eine Reise, die f\u00fcr mich alles ver\u00e4ndern sollte. Ich hatte gerade mein drittes Jahr am Edinburgh Art College beendet und einen Praktikumsplatz bei der Chinati Foundation im texanischen Marfa ergattert. Dort gewann nicht nur meine k\u00fcnstlerische und schreiberische Arbeit einen neuen Fokus; es sollte sich auch eine T\u00fcr in ein neues Leben auftun \u2013 und das ausgerechnet in Deutschland.<\/p>\n<p>Bangen, Angst, Aufregung, Verwirrung: Ein wilder Gef\u00fchlsmix erf\u00fcllte mich, als ich im Taxi durch die kurvigen Stra\u00dfen Edinburghs in Richtung Flughafen fuhr. Von dem Zick-Zack auf dem glatten Kopfsteinpflaster durchgebeutelt, wurde mir erstmals so richtig bewusst, worauf ich mich da eingelassen hatte: Ich war gerade erst 21 geworden und w\u00fcrde die n\u00e4chsten drei Monate in einer winzigen Stadt im \u00e4u\u00dfersten Westen Texas\u2018 zubringen. Was hat mich blo\u00df geritten, \u00fcber 5.600 Kilometer zur\u00fcckzulegen, um den Sommer in einem 2.000-Einwohner-Kaff mitten in der W\u00fcste zu fristen?\u00a0 Die Antwort war einfach: meine Leidenschaft f\u00fcr die Kunst.<\/p>\n<p><strong>In der Kunst wie beim \u00dcbersetzen: Auf den Kontext kommt es an<\/strong><\/p>\n<p>Wer alles \u00fcber die Geschehnisse jenes Sommers erfahren m\u00f6chte, wird sich wohl bis zur Ver\u00f6ffentlichung meiner Memoiren gedulden m\u00fcssen. Auch im Detail zu erl\u00e4utern, was es mit der <a href=\"https:\/\/chinati.org\/\">Chinati Foundation<\/a> auf sich hat, w\u00fcrde den Rahmen sprengen. Deshalb hier die Kurzfassung: Das Museum wurde 1986 von dem K\u00fcnstler Donald Judd (1928\u20131994) ins Leben gerufen, der \u2013 vielleicht mehr als jeder andere K\u00fcnstler \u2013 gro\u00dfen Wert darauf legte, wie seine Arbeit installiert und ausgestellt wurde. Es handelt sich dabei um ein \u00f6ffentliches Museum, \u201e<a href=\"https:\/\/chinati.org\/about\/mission-history\/\">in dem es den Kunstschaffenden obliegt, wie sich ihre Arbeit in permanenter Beziehung zur umgebenden Architektur und Landschaft pr\u00e4sentiert<\/a>\u201c. Meine Praktikumsaufgaben beinhalteten unter anderem F\u00fchrungen durch die Sammlung, bei denen mir immer wieder auffiel, wie gut das Museum St\u00f6relemente zwischen Werk und Betrachter auf ein Minimum zu reduzieren vermochte.<\/p>\n<p>Die Chinati Foundation liegt auf einer ehemaligen Milit\u00e4rbasis am Rande einer Kleinstadt in der W\u00fcste, also an einem Ort in der N\u00e4he eines Ortes mitten im Nirgendwo. Der Vorteil eines solch entlegenen Standorts ist, dass f\u00fcr die Besucher auch die Ablenkungen des Alltags in weiter Ferne liegen. Denn wo wenig ist, kann einen nur wenig ablenken. Durch das schlicht gehaltene Umfeld kann sich der Besucher voll und ganz auf das Kunstwerk konzentrieren.<\/p>\n<p>Wie Sie vielleicht bereits einem unserer anderen <a href=\"https:\/\/kleinwolfpeters.com\/#blog\">Blogeintr\u00e4ge<\/a> entnommen haben, ist unsere T\u00e4tigkeit als \u00dcbersetzer, Redakteure und Texter oftmals ein Balanceakt: Denn bringt man zu viele Informationen ein, kann es passieren, dass man den Blick f\u00fcr das Wesentliche verliert; spart man jedoch zu sehr an Details, kann das zu Verwirrung oder Frustration auf Seiten des Lesers f\u00fchren. Beim \u00dcbersetzen achte ich deshalb stets darauf, alle Informationen aus dem Quelltext m\u00f6glichst effizient wiederzugeben und nichts hinzuzuf\u00fcgen, was der vom Autor beabsichtigten Aussage hinderlich sein k\u00f6nnte. Kurz gesagt: Inhalt, Kontext, Klarheit.<\/p>\n<div id=\"attachment_1602\" style=\"width: 1377px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1602\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1602\" src=\"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Applause_final.jpg\" alt=\"\" width=\"1367\" height=\"987\" \/><p id=\"caption-attachment-1602\" class=\"wp-caption-text\">Das erste Werk aus meiner \u201eApplause\u201c-Reihe von 2010<\/p><\/div>\n<p>Der Chinati Foundation gelingt dies bei ihren Dauerinstallationen besonders gut. Meine Lieblingsinstallation in der Sammlung ist wahrscheinlich <a href=\"https:\/\/chinati.org\/collection\/dan-flavin\/\"><em>untitled (Marfa project)<\/em><\/a> von Dan Flavin. Das 1996 fertiggestellte, sich \u00fcber sechs Geb\u00e4ude erstreckende Kunstwerk kommt mit seinen unterschiedlich platzierten und interagierenden Leuchtelementen in diesem besonderen Setting erst so richtig zur Geltung. Die Installationen bilden jeweils den Abschluss der U-f\u00f6rmigen Geb\u00e4ude, die man durch eine T\u00fcre auf der gegen\u00fcberliegenden, offenen Seite betritt, wobei sich die Sinne des Betrachters aufgrund des pl\u00f6tzlichen Temperaturunterschieds zur drau\u00dfen herrschenden texanischen Gluthitze sofort sch\u00e4rfen. Au\u00dferdem h\u00f6rt man so gut wie keine Ger\u00e4usche, abgesehen vom warmen, sanften Summen der Leuchtelemente ganz am Ende des Korridors. Nat\u00fcrliches Licht dringt nur durch zwei kleine Fenster auf der Eingangsseite der Geb\u00e4udefl\u00fcgel ein. Die W\u00e4nde sind leer, glatt und wei\u00df. (Ich erinnere mich an so manchen Besucher, der nicht verstand, dass der ganze Raum Teil des Kunstwerks war, und fragte, was denn da noch an die W\u00e4nde k\u00e4me.) In manchen der Geb\u00e4ude sieht man die Leuchtr\u00f6hren sofort, in anderen muss man bis ganz zum Ende des Korridors gehen, bevor man sie zu Gesicht bekommt. Wie f\u00fcr das Museum typisch, gibt es keinerlei Schilder oder Aufkleber, die Details \u00fcber den Namen, die Lebensgeschichte oder die Absichten des K\u00fcnstlers verraten w\u00fcrden. Auch bei den F\u00fchrungen sollten wir so wenig preisgeben wie m\u00f6glich und es den Besuchern \u00fcberlassen, sich mit dem Kunstwerk vertraut zu machen.<\/p>\n<p>Nur sehr wenige der zahlreichen Museen, die ich bislang besucht habe, k\u00f6nnen da mithalten. Die meisten sind einfach zu vollgepfropft und unruhig, als dass sie den Besuchern auch nur ann\u00e4hernd dasselbe emotionale Erlebnis beim Betrachten der Kunstwerke zugestehen w\u00fcrden wie die Chinati Foundation. Einige scheinen ihre G\u00e4ste sogar mit Absicht vor den Kopf sto\u00dfen zu wollen. Ich habe schon minimalistische Skulpturen an W\u00e4nden voller L\u00f6cher und Schrammen h\u00e4ngen sehen und empfindliche impressionistische Gem\u00e4lde erschreckend nahe an Luftentfeuchtern, ganz zu schweigen von all dem Beschilderungschaos. Schlechte Installationen machen mich wahnsinnig \u2013 nicht zuletzt, weil sie zu 100\u00a0% vermeidbar w\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Galerie der Skrupellosen<\/strong><\/p>\n<p>Ich folge einem am\u00fcsanten Instagram-Account namens <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/greatartinuglyrooms\/?hl=en\">greatartinuglyrooms<\/a>, bei dem sich, wie der Profilname vermuten l\u00e4sst, alles um Kunstwerke (haupts\u00e4chlich Replikate) in \u00e4u\u00dferst unpassender und wenig schmeichelhafter Umgebungen dreht. Ein Freund und ehemaliger Lehrer aus meiner Kunsthochschulzeit hat eingehend dazu geforscht, wie Kunst ausgestellt wird, und dabei zahlreiche Fotos von \u201einteressanten\u201c Beispielen gesammelt. Seine Arbeit tr\u00e4gt den passenden Title \u201eMonkey Business\u201c \u2013 angelehnt an Judds \u201eStatement for the Chinati Foundation\u201c: \u201eIrgendwo muss es zeitgen\u00f6ssische Kunst geben, die exemplarisch die ideale Verbindung von Kunst und Kontext repr\u00e4sentiert. [&#8230;] Sonst ist Kunst nur Show \u2013 ein einziger Affenzirkus.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_1604\" style=\"width: 2037px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1604\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1604\" src=\"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Angel_full_daylight.jpg\" alt=\"\" width=\"2027\" height=\"2560\" \/><p id=\"caption-attachment-1604\" class=\"wp-caption-text\">\u201eOhne Titel (Engel)\u201c, Colin Rae, Acryl auf Platte, 2010<\/p><\/div>\n<p>Mein Aufenthalt in Marfa er\u00f6ffnete mir eine neue Welt und erweckte in mir Lust und Mut, sie zu entdecken. W\u00e4hrend dieser Zeit lernte ich auch einen Fotografen aus M\u00fcnchen kennen, der mir anbot, ihm in den USA und Deutschland zu assistieren. In M\u00fcnchen f\u00fchlte ich mich direkt wohl und \u2013 um es kurz zu machen \u2013 lie\u00df mich dort im Jahr 2003 nieder.<\/p>\n<p>Angesichts meiner neu entdeckten Faszination f\u00fcr das kontextuelle Kuratieren mit dem Ziel, St\u00f6rfrequenzen zwischen Sender und Empf\u00e4nger zu minimieren, mag es seltsam anmuten, in ein anderes Land zu ziehen. Denn mein neues Leben in einer fremdsprachigen Umgebung brachte auch ein neues Ma\u00df an Interferenz mit sich, die mitunter selbst die einfachsten Dinge umst\u00e4ndlich und kompliziert gestaltete. Aber hierher zu ziehen war auch ein Neuanfang, ein neuer Bezugsrahmen f\u00fcr mich und meine k\u00fcnstlerische Arbeit. Die sprachlichen und kulturellen H\u00fcrden, auf die ich in meiner neuen Heimat stie\u00df, best\u00e4rkten mich nur in meinem Vorsatz, Barrieren niederzurei\u00dfen. Auch wenn ich wohl immer ein \u201eZuagroaster\u201c bleiben werde, kann ich mein Leben hier nach meinen eigenen Vorstellungen \u201ekuratieren\u201c. Alles, was ich seit Marfa k\u00fcnstlerisch und textlich geschaffen habe, war immer dem Versuch geschuldet, einer Idee in ihrem zugedachten Kontext so gut ich konnte Ausdruck zu verleihen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einundzwanzig Jahre trat unser Kollege Colin Rae in der texanischen Kleinstadt Marfa eine Stelle im dortigen Kunstmuseum an. Was er damals nicht ahnte: Dieser dreimonatige Aufenthalt sollte sein Leben f\u00fcr immer ver\u00e4ndern.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":1600,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[418,663,52,42],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1610"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1610"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1610\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1612,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1610\/revisions\/1612"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1600"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1610"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1610"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1610"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}