{"id":1617,"date":"2022-08-31T08:32:44","date_gmt":"2022-08-31T07:32:44","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=1617"},"modified":"2022-08-31T08:32:44","modified_gmt":"2022-08-31T07:32:44","slug":"mehr-mehrsprachigkeit-braucht-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=1617","title":{"rendered":"Mehr Mehrsprachigkeit braucht die Welt"},"content":{"rendered":"<p><em>Von<\/em> <em>Solveig Rose-Mollard<\/em><\/p>\n<p>Rund ein Drittel aller Kinder in Deutschland hat heutzutage einen Migrationshintergrund. So ist es kaum verwunderlich, dass immer mehr Menschen mit mehr als einer Sprache aufwachsen. Die Vorurteile der zweiten H\u00e4lfte des 20.\u00a0Jahrhunderts, wonach Mehrsprachigkeit zu unterentwickelter Intelligenz und Sprachverwirrung sorge, sind heute wissenschaftlich wie gesellschaftlich weitgehend ausger\u00e4umt und den Vorteilen gewichen, die kaum mehr jemand anzweifelt: Mehrsprachig aufwachsenden Kindern wird ein gutes Sprachgef\u00fchl, das den Erwerb weiterer Sprachen erleichtert, nachgesagt ebenso wie ein ausgepr\u00e4gtes Sprachverst\u00e4ndnis. Zudem besitzen sie oft hervorragende kognitive F\u00e4higkeiten, die ihnen auch auf anderen Gebieten \u2013 beispielsweise mathematischer oder technischer Natur \u2013 von Nutzen sind. Nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt kann es sich ferner positiv auswirken, mehrere Sprachen flie\u00dfend zu sprechen.<\/p>\n<p><strong>Mehr oder weniger mehrsprachig<\/strong><\/p>\n<p>Weitaus umstrittener ist hingegen die Definition von Mehrsprachigkeit, ist die Wissenschaft doch uneins, ab wann und in welchem Ma\u00dfe man von Sprachbeherrschung auf muttersprachlichem Niveau sprechen kann (wobei vielen auch der Begriff \u201eMuttersprache\u201c ein Dorn im Auge ist, die Diskussion hier\u00fcber jedoch den Rahmen dieses Beitrags sprengen w\u00fcrde). Allgemein unterschieden werden simultane und konsekutive Bilingualit\u00e4t. W\u00e4hrend Erstere Kinder betrifft, die von Tag\u00a01 mit zwei Sprachen aufwachsen \u2013 etwa, weil die Eltern unterschiedlicher Herkunft sind \u2013 kommt bei Letzterer die Zweitsprache erst ab einem Alter von drei Jahren hinzu \u2013 beispielsweise, wenn das Kind aus einem einsprachigen Familienumfeld in Krippe oder Kindergarten mit einem anderssprachigen Gesellschaftsumfeld konfrontiert wird. Generell hat sich herausgestellt, dass Kinder sich bis zu sieben Jahren eine oder mehrere Sprachen auf muttersprachlichem Niveau aneignen k\u00f6nnen. Dabei erweist sich die P\u00e4dagogik in ihrem Anspruch deutlich milder als die Community der Sprachexpertinnen und -experten. Sie beschreibt Zweisprachigkeit gemeinhin als die \u201eF\u00e4higkeit, spontan eine zweite Sprache erfolgreich zu gebrauchen, wenn die Handlungssituation es empfiehlt\u201c. Dies l\u00e4sst jedoch durchaus Diskrepanzen in der Sprachbeherrschung zu. In der Dolmetscherpraxis hingegen gilt als sogenannte A-Sprache nur diejenige, die fehler- und akzentfrei mit umfassendem Wortschatz und ausgepr\u00e4gter Flexibilit\u00e4t beherrscht wird.<\/p>\n<p><strong>So viel mehr als Sprache<\/strong><\/p>\n<p>Einwandfreie Sprachkompetenz hin oder her: Das Erlernen einer Sprache ist im plurilingualen Kontext in den meisten F\u00e4llen nur die sicht- und h\u00f6rbare Spitze des Eisbergs. Denn an Sprache h\u00e4ngt so viel mehr als nur Vokabular und Grammatik. Sie transportiert Kultur und Lebenseinstellungen und beeinflusst sogar unser Denken.<\/p>\n<p>So vermitteln Eltern unterschiedlicher Nationalit\u00e4ten ihren Kindern nicht nur das Wort ihres Herkunftslandes, sondern automatisch auch die Art der Darbietung \u2013 langsamer oder schneller Duktus, \u00dcberlappungen von Redebeitr\u00e4gen (hierzulande besser bekannt als \u201eIns-Wort-fallen\u201c) oder w\u00fcrdigende Pausen dazwischen k\u00f6nnen Sprachen charakterisieren. W\u00e4hrend es in manchen Sprachen gute Sitte ist, (aus deutscher Sicht wohlgemerkt) um den hei\u00dfen Brei herumzureden, setzen andere auf \u201eButter bei die Fische\u201c. Nicht umsonst kommt es somit unter Angeh\u00f6rigen verschiedener Nationalit\u00e4ten trotz umfangreicher Englischkenntnisse regelm\u00e4\u00dfig zu Missverst\u00e4ndnissen und Unstimmigkeiten, weil die einen die \u201eAndeutungen\u201c der anderen nicht als konkrete Aufforderung verstehen und sich Letztere wiederum ob des r\u00fcden Tons Ersterer vor den Kopf gesto\u00dfen f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Durch die Ber\u00fchrung mit dem Ursprungsland der Eltern lernen Kinder jedoch auch dessen Gepflogenheiten, Traditionen und Lebensweisheiten kennen. Ob Religion, Familienfeste, Tischmanieren oder Verhalten in Alltagssituationen: Selbst kulturell scheinbar nah verwandte Nationen weisen viele kleine und gro\u00dfe Unterschiede zueinander auf, derer sich die jeweiligen Sprecherinnen und Sprecher in den seltensten F\u00e4llen bewusst sind. Das f\u00fchrt bestenfalls zu gegenseitigem Interesse, oftmals dazu, dass man einander bel\u00e4chelt (\u201eDie spinnen, die \u2026\u201c) und schlimmstenfalls zu Vorurteilen und Anfeindungen. Kinder jedoch, die mehr als eine Sprache und damit auch Kultur in die Wiege gelegt bekommen, kennen diese mehr oder minder unterschiedlichen Welten und zeigen sich tendenziell auch weiteren Lebensarten gegen\u00fcber tolerant und aufgeschlossen.<\/p>\n<p><strong>Im Zweifel f\u00fcr mehr Mehrsprachigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Nun sollen keineswegs die m\u00f6glichen Probleme, die Mehrsprachigkeit mit sich bringen kann, unter den Teppich gekehrt werden. Wahr ist, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder bisweilen Schwierigkeiten haben, ihre Muttersprachen zu trennen, oder keine Sprache auf wahrhaft muttersprachlichem Niveau beherrschen. Wahr ist auch, dass sich manche plurilingual und multikulturell aufgewachsene Menschen keinem Sprach- und Kulturkreis hundertprozentig zugeh\u00f6rig f\u00fchlen und wom\u00f6glich um ihre Identit\u00e4t ringen.<\/p>\n<p>Wahr ist aber auch, dass Mehrsprachigkeit nicht individuell, sondern auch kollektiv enormes Potenzial bietet. Denn wenn in einer Gesellschaft mehrere Sprachen und Kulturen nicht mehr nur kohabitieren, sondern auf ein und derselben Person vereint sind, besteht die Hoffnung, dass sich ihre Mitglieder anderen st\u00e4rker \u00f6ffnen und verst\u00e4ndnisvoller gegen\u00fcbertreten. Angesichts dessen, was sich derzeit sowohl in \u00f6ffentlichen politischen Konflikten als auch in privaten Alltagssituationen abspielt, scheint eine verst\u00e4rkte Sensibilisierung f\u00fcr kulturelle Unterschiede dringend notwendig zu sein. Und wenn sie einen jungen Menschen (fast) m\u00fchelos von der Pike auf begleitet \u2013 umso besser!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprache ist so viel mehr als nur Vokabular und Grammatik. Was Sprache transportiert und warum Mehrsprachigkeit nicht nur individuell bereichernd ist, sondern auch die Welt (vielleicht) ein bisschen besser zu machen vermag.<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":1620,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[43,666,665,664],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1617"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1617"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1617\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1623,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1617\/revisions\/1623"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1620"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1617"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1617"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1617"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}