{"id":1637,"date":"2022-09-30T08:58:38","date_gmt":"2022-09-30T07:58:38","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=1637"},"modified":"2022-10-05T08:21:39","modified_gmt":"2022-10-05T07:21:39","slug":"der-fluch-des-wissens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=1637","title":{"rendered":"Der Fluch des Wissens"},"content":{"rendered":"<p><em>von Gerfried Ambrosch<br \/>\n<\/em><em>Aus dem Englischen von Maria Wolf<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oft f\u00e4llt es uns schwer, uns in jemanden hineinzuversetzen, der nicht wei\u00df, was wir wissen. Diese \u201eweitverbreitete Schw\u00e4che des menschlichen Verstandes\u201c, wie Evolutionspsychologe Steven Pinker es in seinem Buch \u201eThe Sense of Style\u201c bezeichnet, kann unsere Kommunikationsf\u00e4higkeit stark beeintr\u00e4chtigen. Ob Kommunikation gelingt, h\u00e4ngt schlie\u00dflich auch davon ab, inwieweit wir uns in unser Gegen\u00fcber hineinversetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bis zu einem gewissen Alter k\u00f6nnen Kinder ihr Wissen gemeinhin nicht von dem anderer trennen, wie ein ber\u00fchmtes Experiment zeigt, in dem ein Kind einen Raum betritt, eine Bonbonschachtel \u00f6ffnet und darin zu seiner \u00dcberraschung Stifte findet. Auf die Frage, was ein anderes Kind, das nicht Zeuge des Vorgangs wurde, wohl in der Schachtel vermuten w\u00fcrde, antworten nahezu alle Kinder: \u201eStifte.\u201c Sie sind sogar fest davon \u00fcberzeugt, dass auch sie schon vorher gewusst haben, dass die Schachtel Stifte enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Nach Pinker verw\u00e4chst sich diese kognitive Schw\u00e4che mit dem Alter, allerdings nicht ganz und mit unterschiedlicher Auspr\u00e4gung. In vielen Situationen kommt es uns noch nicht einmal in den Sinn, dass unser Gespr\u00e4chspartner m\u00f6glicherweise nicht wei\u00df, was wir wissen. So ist es zum Beispiel nicht so einfach, Ortsfremden in unserem Wohnort den Weg zu weisen, denn f\u00fcr uns logisch und offensichtlich erscheinende Bezugspunkte sagen ihnen in der Regel gar nichts. Vermutlich k\u00f6nnen sie sich noch nicht einmal vorstellen, was wir meinen, w\u00e4hrend wir vor unserem inneren Auge einer klar strukturierten Karte folgen.<\/p>\n<p><strong>Schreibblockade<\/strong><\/p>\n<p>Das gleiche Prinzip l\u00e4sst sich analog auf das Schreiben \u00fcbertragen, vor allem wenn es darum geht, Laien Fachwissen zu vermitteln. \u201eDer Fluch des Wissens\u201c, schreibt Pinker, \u201eist die einzig wahre Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum gescheite Menschen schlechte Prosa verfassen. Weder erahnen [sie] die notwendigen, ihnen jedoch zu offensichtlich erscheinenden Zwischenschritte\u201c, noch \u201ehalten sie es f\u00fcr n\u00f6tig, Fachbegriffe oder ihre Logik zu erl\u00e4utern oder wichtige Einzelheiten mitzuliefern\u201c.<\/p>\n<p>Ein Zyniker w\u00fcrde behaupten, undurchsichtige Prosa sei beabsichtigt, ganz im Sinne von Nietzsches Aphorismus: \u201eWer sich tief wei\u00df, bem\u00fcht sich um Klarheit; wer der Menge tief scheinen m\u00f6chte, bem\u00fcht sich um Dunkelheit.\u201c Als Akademiker, der sich dem Literatur- und Kulturstudium \u2013 einem f\u00fcr seine fachsprachlich verschwurbelte und hochtrabende Rhetorik ber\u00fcchtigten Fachgebiet \u2013 gewidmet hat, halte ich es nicht f\u00fcr ausgeschlossen, dass diese Behauptung einen Funken Wahrheit enth\u00e4lt. Hingegen warnt uns ein anderes Sprichwort, auch bekannt als \u201eHanlon\u2018s Razor\u201c (deutsch: Hanlons Rasiermesser): \u201eSchreibe nicht der B\u00f6swilligkeit zu, was durch Unverm\u00f6gen hinreichend erkl\u00e4rbar ist.\u201c Mit anderen Worten: Der Fluch des Wissens, der paradoxerweise Autoren f\u00fcr die Unkenntnis ihrer Leserschaft blind macht, erkl\u00e4rt m\u00f6glicherweise, warum manche Texte so unverst\u00e4ndlich sind.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1633\" src=\"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Bild-2-Chaos_klein.jpg\" alt=\"\" width=\"627\" height=\"418\" \/><\/p>\n<p><strong>\u201eLost in translation\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Besonders beim \u00dcbersetzen kann der Fluch des Wissens zum Verh\u00e4ngnis werden. So k\u00f6nnen zum Beispiel kulturelle Bez\u00fcge, die nur in einem bestimmten Sprachraum Bedeutung haben, bei der \u00dcbersetzung zu Verwirrungen f\u00fchren. Professionelle \u00dcbersetzer haben hierf\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich elegante L\u00f6sungen in petto. Ein besonderer Fallstrick beim \u00dcbersetzen sind auch Namen, zum Beispiel von Produkten oder Orten, die Hinweise enthalten, die dem \u00dcbersetzer offenkundig erscheinen, dem der Ausgangssprache Unkundigen jedoch verborgen bleiben. Dies ist h\u00e4ufiger der Fall, als man denkt.<\/p>\n<p>Hier ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung als Weinreisef\u00fchrer in Wien und Nieder\u00f6sterreich: Der Besitzer einer malerischen kleinen Weinstube, die wir auf unseren Touren h\u00e4ufig besuchten, servierte stets eine regionale Spezialit\u00e4t, bekannt als \u201eGemischter Satz\u201c, einen traditionellen Wein, der aus unterschiedlichen, aber gemeinsam angebauten, gekelterten und gegorenen Rebsorten hergestellt wird. Ohne Umschweife betonte der Wirt gegen\u00fcber unseren englischsprachigen G\u00e4sten stets: \u201eDas ist KEIN Cuv\u00e9e!\u201c Mein erster Gedanke war: Wieso sollten sie glauben, dass es einer ist? Doch dann d\u00e4mmerte es mir, dass f\u00fcr ihn klar war, dass der Name \u201eGemischter Satz\u201c unweigerlich mit einem Mix verschiedener Weine assoziiert werden w\u00fcrde. Der Gedanke, dass einer der deutschen Sprache nicht M\u00e4chtiger diese Verbindung gar nicht herstellen w\u00fcrde, lag ihm fern. Ein anderes Beispiel waren Ortsnamen wie Bisamberg: Lokale Weinbauern nahmen h\u00e4ufig auf die Geographie dieses Weinanbaugebiets vor den Toren Wiens in einer Weise Bezug, die nur versteht, wer wei\u00df, was \u201eBerg\u201c auf Deutsch bedeutet.<\/p>\n<p><strong>Vom Wissen zum Verstehen<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts unserer begrenzten F\u00e4higkeit, uns in andere hineinzuversetzen und Dinge aus ihrem Blickwinkel zu betrachten, sind solche Fehler schnell passiert. Bin ich im vorherigen Abschnitt nicht selbst Opfer des Wissensfluchs geworden, indem ich nicht erkl\u00e4rt habe, was ein Cuv\u00e9e ist? Nicht unbedingt jeder wei\u00df, dass eine Cuv\u00e9e im deutschen Sprachgebrauch ein Verschnitt mehrerer Rebsorten ist. Hier handelt es sich m\u00f6glicherweise um einen Grenzfall. Aber wo liegt die Grenze? Wann ist es sinnvoll davon auszugehen, dass die Mehrheit der Leser die Bedeutung eines Wortes oder Ausdrucks kennt? Das ist manchmal schwer zu beantworten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es ratsam ist, sich im Zweifelsfall auf die sichere Seite zu begeben, kann zu viel Information Kommunikation ebenso zum Scheitern bringen. Weniger ist tats\u00e4chlich oft mehr. Lange, mit unz\u00e4hligen Details vollgestopfte S\u00e4tze sind schwer zu entschl\u00fcsseln und zu verstehen. In vielen F\u00e4llen ist dieses Ph\u00e4nomen jedoch auch wiederum nur dem Fluch des Wissens zuzuschreiben: Der Autor erwartet wohl von seinen Lesern das Wissen und die Erfahrung, um die Spreu vom Weizen zu trennen \u2013 was sich allerdings nicht empfiehlt, wenn man etwas Wichtiges vermitteln m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir also dem Fluch des Wissens entrinnen? Wie k\u00f6nnen wir empathischer miteinander kommunizieren? Nach Pinker \u201emuss jeder, der den Fluch des Wissens brechen m\u00f6chte, zun\u00e4chst seinen heimt\u00fcckischen Mechanismus erkennen. Wie ein Betrunkener, der zu betrunken ist, um zu begreifen, dass er nicht mehr fahrt\u00fcchtig ist, bemerken wir den Fluch nicht, denn gerade das verhindert er.\u201c Aber wenn wir ihn ertappen, k\u00f6nnen wir ihn brechen und uns bewusst machen, wie etwas f\u00fcr jemanden klingen mag, der nicht wei\u00df, was wir wissen. Letztlich m\u00fcssen wir uns ja nur daran erinnern, wie es war, als wir selbst noch unwissend waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oftmals vergessen wir, dass andere nicht wissen, was wir wissen, und wundern uns, wenn sie uns nicht verstehen. Wie k\u00f6nnen wir empathischer miteinander kommunizieren? Wie k\u00f6nnen wir dem Fluch des Wissens entrinnen?<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":1631,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[63,73,414,177],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1637"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1637"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1637\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1638,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1637\/revisions\/1638"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1631"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1637"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1637"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1637"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}