{"id":1803,"date":"2023-11-30T11:42:16","date_gmt":"2023-11-30T10:42:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=1803"},"modified":"2023-12-01T10:03:09","modified_gmt":"2023-12-01T09:03:09","slug":"es-war-einmal-erinnerungen-einer-sprachdienstleisterin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=1803","title":{"rendered":"Es war einmal &#8230; Erinnerungen einer Sprachdienstleisterin"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Kristin Fehlauer<br \/>\n<\/em><em>Aus dem Englischen von Julia Harwardt<\/em><\/p>\n<p>Kommt n\u00e4her, liebe Kinder, und h\u00f6ret, was Tante Kristin euch \u00fcber Sprachdienstleistungen in den guten alten Zeiten zu erz\u00e4hlen wei\u00df. In jenen Tagen, als ich noch keinen eigenen PC besa\u00df und meine wundersame Laufbahn als Sprachdienstleisterin noch nicht angetreten hatte, stand ich oft geduldig Schlange in der B\u00fccherei, um dort ein paar Minuten kostenlos im Internet zu surfen. <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">Hieronymus\u00b9<\/a>\u00a0sei Dank waren diese d\u00fcsteren Tage schon vorbei, als ich meine Karriere startete, doch ich kenne Kolleginnen und Kollegen, die die Zeiten ohne Internet noch selbst erlebt haben \u2013 unvorstellbar, wie sie \u00fcberhaupt arbeiten konnten.<\/p>\n<p>2003 beschloss ich, mein berufliches Gl\u00fcck im Bereich \u00dcbersetzung und Lektorat zu suchen, und begann \u2013 ein paar Bewerbungen und etwas Wartezeit sp\u00e4ter \u2013 mein zweij\u00e4hriges Master-Studium am damaligen Monterey Institute of International Studies in Kalifornien. Jetzt hatte ich nicht nur meinen eigenen Laptop, mit Diskettenlaufwerk und etwa doppelt so dick wie mein aktuelles Modell, auch WLAN-Internetzug\u00e4nge wurden immer selbstverst\u00e4ndlicher.<\/p>\n<p>Der Gedanke, dass wir damals f\u00fcr unsere \u00dcbungstexte \u2013 etwa zwei Normseiten mit weniger als 500 W\u00f6rtern \u2013 eine ganze Woche Zeit f\u00fcr die \u00dcbersetzung hatten, l\u00e4sst mich heute schmunzeln. Unsere Dozent:innen mailten uns den Text als Word-Dokument, das wir kopierten und mit unserer \u00dcbersetzung \u00fcberschrieben. Unbekannte W\u00f6rter schlugen wir in dicken, gebundenen W\u00f6rterb\u00fcchern nach und schickten unsere \u00dcbersetzungen schlie\u00dflich per Mail zur\u00fcck. Unsere Dozent:innen druckten unsere Werke aus und z\u00fcckten zur Korrektur den unvermeidlichen Rotstift.<\/p>\n<p>Damals hatte ich nur einen Kurs zu \u201ecomputergest\u00fctzter \u00dcbersetzung\u201c, und das auch nur im zweiten Jahr, und ehrlich gesagt, kann ich mich an rein gar nichts mehr daraus erinnern. Wahrscheinlich war ich auch vom Sinn des Ganzen nicht recht \u00fcberzeugt: Das deutsche Unternehmen, bei dem ich in den Sommerferien ein Praktikum absolvierte, verwendete keines dieser Tools \u2013 warum also Zeit damit vergeuden, sich in eine bestimmte Software einzuarbeiten, wenn beim n\u00e4chsten Job vielleicht eine ganz andere oder gar keine verwendet wird?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1806\" src=\"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild_1_pexels-olia-danilevich-4974914_kleiner-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"592\" height=\"394\" srcset=\"https:\/\/blogstage.kleinwolfpeters.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild_1_pexels-olia-danilevich-4974914_kleiner-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blogstage.kleinwolfpeters.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild_1_pexels-olia-danilevich-4974914_kleiner-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/blogstage.kleinwolfpeters.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild_1_pexels-olia-danilevich-4974914_kleiner-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 592px) 100vw, 592px\" \/><\/p>\n<p>Meinen ersten \u201erichtigen\u201c Job begann ich im Juli 2007 bei einem deutschen Unternehmen, und die Arbeitsweise \u00e4hnelte stark dem, was ich vom Studium kannte: Unsere \u00dcbersetzungen legten wir mitsamt den deutschen Ausgangstexten den Pr\u00fcfer:innen vor, die sie nebeneinanderlegten und Zeile f\u00fcr Zeile pr\u00fcften, damit auch wirklich keine Informationen unter den Tisch fielen. \u00c4nderungen, Vorschl\u00e4ge und Kommentare wurden handschriftlich eingef\u00fcgt.<\/p>\n<p>Kurze Texte konnten wir gelegentlich nebeneinander am Bildschirm abgleichen, doch die meisten wurden ausgedruckt. Mit der Zeit weckte unser enormer Papierverbrauch mein schlechtes Gewissen, das ich damit zu beruhigen versuchte, auch die R\u00fcckseite zu verwenden. Leider legte ich jedoch hin und wieder das Papier falsch in den Drucker und musste dann den Unmut der Pr\u00fcfer:innen ertragen, wenn der Drucker ein Blatt mit beiden Texten auf einer Seite ausspuckte. Schon komisch, wenn ich jetzt so dar\u00fcber nachdenke \u2013 ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal etwas f\u00fcr die Arbeit ausgedruckt habe &#8230;<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit hatte Facebook bereits seinen Siegeszug angetreten, und in meiner Freizeit verbrachte ich viele Stunden damit, durch die Feeds von Familienangeh\u00f6rigen und Freunden zu scrollen und nach alten Bekannten zu suchen. Andere Arten von Social Media nutzte ich damals kaum. Google war nat\u00fcrlich unglaublich n\u00fctzlich, nicht nur f\u00fcr die Bildersuche nach Objekten, deren Namen man nicht kennt, sondern auch, um herauszufinden, wie h\u00e4ufig eine bestimmte Formulierung in der Zielsprache vorkommt.<\/p>\n<p>Im Jahr 2014 wechselte ich zu einem neuen Arbeitgeber. Etwa zur selben Zeit ging auch der Pr\u00fcfprozess online: Jetzt wurden \u00c4nderungen in Word mit der Nachverfolgungsfunktion vorgenommen, die dann nach Belieben angenommen oder abgelehnt werden konnten \u2013 ganz ohne Rotstift und Papierverschwendung. Daneben hatten wir sogar eine eigenentwickelte Software, mit der wir fr\u00fchere \u00dcbersetzungen nach bestimmten Formulierungen oder W\u00f6rtern in ihrem Kontext durchsuchen konnten.<\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt hatte ich LinkedIn und Twitter f\u00fcr mich entdeckt: \u00dcber LinkedIn konnte ich mit Kolleg:innen und insbesondere Freelancern (f\u00fcr Auftragsspitzen) in Kontakt bleiben; Twitter nutzte ich, um aktuelle Trends und Formulierungen zu verfolgen oder Recherchen zu starten. Auch Kunden baten uns immer \u00f6fter, Posts f\u00fcr Social-Media-Kan\u00e4le zu \u00fcbersetzen oder zu verfassen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1808\" src=\"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild_2_adem-ay-Tk9m_HP4rgQ-unsplash.jpg\" alt=\"\" width=\"592\" height=\"395\" \/><\/p>\n<p>Mittlerweile ist LinkedIn eher so etwas wie Facebook f\u00fcr Unternehmen. W\u00e4hrend die Plattform fr\u00fcher Jobsuchenden die M\u00f6glichkeit zum Networking bot, positionieren heute hier vor allem Unternehmen ihren Content und posten zu spezifischen Themen. Gut f\u00fcr uns, denn wir d\u00fcrfen diese Inhalte oft verfassen oder lektorieren!<\/p>\n<p>Einst war Twitter eine unglaublich praktische Anlaufstelle, um sich \u00fcber berufsspezifische Gruppen, Konferenzen sowie Themen aus der \u00dcbersetzungs- und Dolmetschbranche zu informieren und die lustigen und albernen Seiten der Sprachwelt (neu) zu entdecken. Leider steht Twitters Zukunft mittlerweile in den Sternen, und bislang hat sich keine Plattform als Rettungsinsel f\u00fcr all diejenigen herauskristallisiert, die das Schiff \u201eX\u201c verlassen wollen.<\/p>\n<p>Ich finde Facebook immer noch sehr hilfreich, um, sagen wir mal, die \u201eStimmung der breiten Masse\u201c zu ermitteln. (Masse ist vielleicht etwas viel gesagt: So viele Freund:innen habe ich auch wieder nicht.) Dort habe ich Kontakt zu Menschen, die amerikanisches Englisch als Muttersprache haben und kein Deutsch sprechen, davon also nicht beeinflusst sind. Im Deutschen benutzt man beispielsweise den bestimmten Artikel vor \u201eOktoberfest\u201c, und viele englische Muttersprachler:innen aus meinem Freundeskreis in Deutschland haben das \u00fcbernommen: \u201eAre you going to the Oktoberfest?\u201c Ich m\u00f6chte jedoch behaupten, dass Muttersprachler:innen ohne Deutschkenntnisse dies als Eigennamen wie Lollapalooza oder Burning Man sehen und daher sagen w\u00fcrden: \u201eAre you going to Oktoberfest?\u201c (Die wenigen, die an meiner \u201eBefragung\u201c teilgenommen haben, best\u00e4tigen im \u00dcbrigen meine Hypothese.)<\/p>\n<p>Daneben hat sich auch die Art und Weise ver\u00e4ndert, wie ich Google nutze. Die Suchmaschine schie\u00dft in gewisser Weise \u00fcber das Ziel hinaus: Sie wirft Treffer basierend auf meinem Standort in Deutschland aus, was aber nur wenig n\u00fctzt, wenn ich wissen will, wie h\u00e4ufig eine bestimmte englische Formulierung verwendet wird. Zudem hat Googles enormer Erfolg scharenweise Sponsoren angezogen, was sich auch auf die Suchergebnisse verzerrend auswirken kann. Nat\u00fcrlich gibt es M\u00f6glichkeiten, diese Probleme zu umgehen; aber ich h\u00e4tte mir zu Beginn meines Studiums kaum vorstellen k\u00f6nnen, dass ich mich in der Zukunft einmal mit den Algorithmen eines globalen Konzernriesens messen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Auf das Thema maschinelle \u00dcbersetzung bin ich noch nicht einmal oberfl\u00e4chlich eingegangen. Einige dieser Tools sind mittlerweile so fest in meinen Arbeitsalltag integriert, dass sich mein Job ohne sie wie ein Seiltanz ohne Netz anf\u00fchlen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Bei solchen R\u00fcckblicken wird mir immer wieder klar, wie wenig wir \u00fcber die Zukunft sagen k\u00f6nnen. Mein Arbeitsalltag sieht heute ziemlich anders aus als zu Beginn meiner Karriere vor 16 Jahren. Und wer wei\u00df schon, wie es in weiteren 16 Jahren sein wird &#8230;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">\u00b9<\/a>\u00a0Schutzheiliger der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hieronymus_(Kirchenvater)\">\u00dcbersetzer:innen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie hat der Aufstieg von Internet und Social Media das Berufsbild von \u00dcbersetzer:innen und Lektor:innen ver\u00e4ndert? Unsere Kollegin Kristin Fehlauer wirft einen Blick zur\u00fcck auf eine lange, wundersame Reise.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":1804,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[717,716,25],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1803"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1803"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1803\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1828,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1803\/revisions\/1828"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1804"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1803"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1803"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1803"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}