{"id":186,"date":"2017-12-18T10:06:26","date_gmt":"2017-12-18T09:06:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kleinwolfpeters.com\/blog?p=186"},"modified":"2021-01-11T11:34:14","modified_gmt":"2021-01-11T10:34:14","slug":"mein_erstes_thanksgiving_in_deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=186","title":{"rendered":"Mein erstes Thanksgiving in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><em>von Kristin Fehlauer, aus dem Englischen von Julia Harwardt<\/em><\/p>\n<p><strong>Ein v\u00f6llig untersch\u00e4tzter Feiertag<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Amerikaner ist Thanksgiving ein besonderer Feiertag: Er ist der Auftakt in ein langes Wochenende und die (von vielen geliebte) Weihnachtszeit, der verr\u00fcckteste Reisetag des Jahres und wird von nahezu allen Amerikanern ungeachtet von Glaube und Abstammung gefeiert. Und vielen geht es neben Essen, Football und Dankbarkeit vor allem um die Familie.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich als Kind war Thanksgiving selbstverst\u00e4ndlich, ein fester Teil jedes Kalenderjahres; Pl\u00e4ne brauchte ich keine, ich feierte dort, wo meine Eltern feierten. Sp\u00e4ter gab es noch die M\u00f6glichkeit, beim Homecoming unserer Highschool das gro\u00dfe Football-Spiel zwischen den beiden Rivalen meiner Heimatstadt anzusehen. Auch w\u00e4hrend meiner College-Zeit und meines ersten \u201erichtigen\u201c Jobs lebte ich nahe genug bei meiner Familie, dass meine Antwort auf die Standardfrage, wo ich denn Thanksgiving verbringen w\u00fcrde, auf der Hand lag.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-188\" src=\"https:\/\/www.kleinwolfpeters.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/For-KF-Blog-20171218_1.jpg\" alt=\"\" width=\"4088\" height=\"2708\" \/><\/p>\n<p><strong>Im Einsatz f\u00fcr Thanksgiving<\/strong><\/p>\n<p>Spulen wir vor ins Jahr 2002: Nachdem ich die USA erstmals verlassen hatte, assistierte ich im Englischunterricht an einer Grundschule in Rostock, wo ich nicht nur die richtige Aussprache, sondern auch kulturelle Aspekte und meine pers\u00f6nlichen Erfahrungen als Amerikanerin vermitteln sollte. Als mein Betreuungslehrer fragte, ob ich den Sch\u00fclern Ende November nicht etwas \u00fcber Thanksgiving erz\u00e4hlen k\u00f6nnte, sagte ich sofort begeistert zu.<\/p>\n<p>Ich machte mir Gedanken, was ich genau sagen und wie ich das Interesse der Kinder wecken w\u00fcrde \u2013 ich brauchte nat\u00fcrlich unbedingt Anschauungsmaterial. Zum Gl\u00fcck hatte meine Mutter, die Meisterin der Care-Pakete, mich mit einigen Dosen von Libby\u2019s\u00ae Fertigf\u00fcllung f\u00fcr K\u00fcrbis-Pie ausgestattet, die ich in der Klasse herumgehen lassen k\u00f6nnte. Aber es fehlte noch etwas zum Mitmachen \u2026 Nat\u00fcrlich: Wir k\u00f6nnten einen Handtruthahn basteln!<\/p>\n<p>Wenn Sie nicht wissen, was ein Handtruthahn ist, fragen Sie den erstbesten Amerikaner, er wird es Ihnen erkl\u00e4ren: Man legt seine Hand mit gespreizten Fingern und der Handfl\u00e4che nach unten auf ein Blatt Papier, zeichnet den kompletten Umriss ab dem Handgelenk nach, nimmt die Hand weg und schlie\u00dft diese Figur dann mit einem Strich von der einen Seite des Gelenks zur anderen ab. Anschlie\u00dfend bemalt man den Daumenumriss wie einen Truthahnkopf, die anderen Finger in herbstlichen oder truthahntypischen Farben. Fertig ist der beliebte Handtruthahn, ein echter Klassiker, auch wenn seine Form nicht ganz naturgetreu ist.<\/p>\n<p>Als ich das Klassenzimmer der Erstkl\u00e4ssler betrat, war ich \u00fcberzeugt, dass sie gespannt meinen Ausf\u00fchrungen \u00fcber den Brauch des ihnen fremden Landes lauschen und mich mit Fragen bombardieren w\u00fcrden, um mehr Geschichten \u00fcber Thanksgiving zu h\u00f6ren. Begeistert und hingebungsvoll w\u00fcrden sie ihre Handtruth\u00e4hne basteln, die ihre Eltern zuhause dann aufh\u00e4ngen m\u00fcssten. Ja, genau so w\u00fcrde es sein.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-189\" src=\"https:\/\/www.kleinwolfpeters.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/For-KF-Blog-20171218_2.jpeg\" alt=\"\" width=\"1535\" height=\"1920\" \/><\/p>\n<p><strong>Feiern fernab der Heimat<\/strong><\/p>\n<p>Denkste! Sie h\u00f6rten zumindest eine Weile h\u00f6flich zu, waren aber nicht sonderlich an meinen Dosen mit der Kuchenf\u00fcllung interessiert (ich h\u00e4tte doch eher einen echten K\u00fcrbis-Pie backen sollen). Der Handtruthahn besch\u00e4ftigte sie ein Weilchen l\u00e4nger, aber am Ende landeten die meisten H\u00e4hne wohl doch im Papierkorb. Als ich erkl\u00e4rte, dass es beim Thanksgiving-Dinner Tradition sei, sich f\u00fcr etwas zu bedanken, geriet das Unterfangen schlie\u00dflich v\u00f6llig aus dem Ruder. Auf meine Frage, wer den Satz \u201eIch bin dankbar f\u00fcr\u2026\u201c erg\u00e4nzen wollte, fielen schnell S\u00e4tze wie \u201eIch bin dankbar, dass der Nikolaus mir ganz viele S\u00fc\u00dfigkeiten bringen wird.\u201c (sie hatten schlie\u00dflich Weihnachten als n\u00e4chstes gro\u00dfes Fest auf dem Radar). Also bem\u00fchte ich mich zu erkl\u00e4ren, dass \u201eIch bin dankbar f\u00fcr\u201c nicht bedeutete \u201eIch w\u00fcnsche mir, dass\u201c!<\/p>\n<p>Meine Versuche, den Kindern die hohe Bedeutung von Thanksgiving f\u00fcr uns Amerikaner nahezubringen, wurden immer verzweifelter. Das Ganze war sehr bizarr und verst\u00e4rkte nur mein Heimweh, das an Feiertagen ohnehin in mir hochkommt. Ich f\u00fchlte mich so abgekapselt, isoliert in einer Welt, die ohne dieses wunderbare Fest auskommen musste, das mir, nachdem es fr\u00fcher f\u00fcr mich ganz selbstverst\u00e4ndlich war, jetzt pl\u00f6tzlich sehr fehlte. Und nicht nur das Essen und die freien Tage \u2013 ich vermisste die Geborgenheit meiner Familie.<\/p>\n<p>Trotz dieses wenn auch etwas entt\u00e4uschenden Starts wurde mein erstes Thanksgiving fern der Heimat am Ende recht nett, denn ich schloss mich mit den anderen Lehrassistenten in meinem Programm, darunter Amerikaner und Briten, zusammen. Gemeinsam bereiteten wir die traditionellen Gerichte zu, auch wenn wir hier und da improvisieren und mit dem auskommen mussten, was deutsche Superm\u00e4rkte hergaben. Die meisten meiner amerikanischen Kollegen hatten f\u00fcr Thanksgiving etwas vorbereitet, und nat\u00fcrlich war ich neugierig, was sie geplant hatten: Fast jeder hatte den Handtruthahn in der einen oder anderen Form auf dem Programm. Bis dahin war mir gar nicht klar gewesen, dass diese kleine Bastelei in den USA so weit verbreitet ist. Durch die Erkenntnis, dass wir diese Erinnerung teilten, f\u00fchlte ich mich gleich weniger einsam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bekannte Traditionen in neuer Aufmachung<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe seither viele Thanksgivings ohne meine Familie verbracht, das letzte Mal kamen wir 2004 zu diesem Feiertag zusammen. Aber ich habe auch an anderen Orten in den USA mit anderen \u201eThanksgiving-Waisen\u201c und hier in M\u00fcnchen mit anderen Expats (Amerikanern und Nicht-Amerikanern) gefeiert. Wahrscheinlich ist das ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie wir liebgewonnene Br\u00e4uche und Erinnerungen an unsere Heimat bewahren und gleichzeitig an neue Umgebungen und Umst\u00e4nde anpassen. Dabei geht es nicht nur darum, wo man sich befindet. Letztlich passt jede Generation die Br\u00e4uche an. Vielleicht f\u00e4llt es uns nur au\u00dferhalb des Heimatlandes st\u00e4rker auf. Auch heute noch vermisse ich an jedem letzten Donnerstag im November meine Familie, aber es f\u00e4llt mir leichter, wenn ich neue Erfahrungen mit anderen teilen und neue Traditionen gr\u00fcnden kann.<\/p>\n<p>Und nun zu Ihnen: Haben auch Sie als Expat Traditionen aus Ihrer Heimat mitgenommen oder etwas abgewandelt? Oder haben Sie selbst in Ihrem Heimatland Br\u00e4uche aus Ihrer Kindheit ver\u00e4ndert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer als Expat einen geliebten heimatlichen Feiertag im Ausland feiert, den packt mitunter ein wenig Heimweh und Einsamkeit, wenn niemand so richtig versteht, was oder warum man eigentlich feiert. Am Ende kann aber genau das neue Erkenntnisse bringen.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":188,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[32,124,81,528,529,34],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/186"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=186"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/186\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":228,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/186\/revisions\/228"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/188"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=186"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=186"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}