{"id":235,"date":"2018-01-30T14:00:58","date_gmt":"2018-01-30T13:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kleinwolfpeters.com\/blog?p=235"},"modified":"2021-01-11T11:25:05","modified_gmt":"2021-01-11T10:25:05","slug":"__trashed","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=235","title":{"rendered":"Mit einem Schlag in die Moderne"},"content":{"rendered":"<p><em>von Richard Peters, aus dem Englischen von Julia Harwardt<\/em><\/p>\n<p>Die Moderne schleicht sich gerne von hinten an uns heran \u2013 um uns schlagartig mit Neuerungen zu konfrontieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Danke! Oder doch nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Es war ein ruhiger Abend nach einem langen Tag. Ich sa\u00df gem\u00fctlich zu Hause auf dem Sofa, nippte an meiner Tasse Tee und knabberte nebenbei ein paar Kekse, w\u00e4hrend ich noch einige Mails beantwortete. Ich war schon fast fertig und wollte nur noch jemandem eine Mail mit einem PDF-Anhang senden. Also schrieb ich meine Mail, klickte auf Senden, als sich pl\u00f6tzlich Gmail mit der Warnung zu Wort meldete: \u201eM\u00f6glicherweise haben Sie den Dateianhang vergessen. Sie haben in Ihrer Nachricht das Wort \u201aim Anhang\u2018 verwendet, aber keine Dateien angeh\u00e4ngt. M\u00f6chten Sie die Nachricht trotzdem versenden?\u201c<\/p>\n<p>Die Meldung l\u00f6ste einen Gef\u00fchlssturm aus: Schock \u2013 irgendeine gesichtslose Software LIEST einfach meine Mails! Erleichterung\u2013 wie peinlich w\u00e4re es gewesen, wenn ich die PDF vergessen h\u00e4tte anzuh\u00e4ngen! Scham \u2013 \u00a0ohne Hilfe scheine ich noch nicht einmal mehr die einfachsten Dinge auf die Reihe zu bekommen! \u00c4rger \u2013 \u00fcber meine Schusseligkeit! Besorgnis \u2013 angesichts der harten Landung in der Gegenwart. Dieser digitale Dolchsto\u00df entzog mir jegliche Lebensenergie. Ich war so geschw\u00e4cht, dass ich sogar meinen Keks aus der Hand legen musste.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-236\" src=\"https:\/\/www.kleinwolfpeters.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/For-RP-Blog-20180124.jpg\" alt=\"\" width=\"4285\" height=\"2856\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00c4lter? Ja. Weiser? Hm.<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht liegt es einfach an mir: Ich bin Mitte 40 und wom\u00f6glich nun gerade dabei, ein miesepetriger alter Mann zu werden. Im Grunde betrachte ich mich als einen der ersten Digital Natives, schlie\u00dflich habe ich als Grundsch\u00fcler nachmittags schon auf einem Sinclair ZX80 Computerspiele gezockt. Andererseits kann ich mich aber auch noch an Modems und Disketten erinnern. Vielleicht bin ich also in der heutigen Welt, wo jeder st\u00e4ndig online ist, bei Snapchat, Minecraft und diversen Gaming-Meisterschaften, doch eher so etwas wie ein digitaler Dinosaurier.<\/p>\n<p>Wer mich kennt, wei\u00df zwar, dass ich gelegentlich neben der Spur sein kann, im Allgemeinen aber mit dem Leben im 21. Jahrhundert klarkomme. Zumindest habe ich das bislang von mir gedacht: Ich nutze regelm\u00e4\u00dfig Carsharing (und lasse mittlerweile auch keine wichtigen Gegenst\u00e4nde mehr auf dem Beifahrersitz liegen), ich whatsappe mit meinem Zwei-Daumen-Tippsystem so schnell wie jeder Teenager und kenne mein 20-stelliges WLAN-Passwort auswendig. Ich halte mich \u00fcber aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden und wei\u00df um den Siegeszug von Big Data und seine Bedeutung f\u00fcr die unheimlichen F\u00e4higkeiten von Amazon und Co., meine W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse auf Basis von Algorithmen zu prognostizieren.<\/p>\n<p>An fraglichem Abend jedoch war ich einfach nicht darauf gefasst, dass mein eigenes E-Mail-Konto mich so m\u00fctterlich-gluckenhaft an die Hand nehmen, fast schon bevormunden w\u00fcrde. Wie viele andere Menschen hier in Deutschland und der restlichen Welt beunruhigt es mich, dass Internetkonzerne immer mehr und mehr Daten \u00fcber uns sammeln und uns ihre Erkenntnisse in Form unwiderstehlicher Kaufangebote vor die Nase halten. Ich sah meine Souver\u00e4nit\u00e4t als Individuum eingeschr\u00e4nkt, f\u00fchlte mich hoffnungslos verloren in einer wirklich gewordenen Matrix, als Gmail erst meine Absichten interpretierte und dann selbstst\u00e4ndig eingriff \u2013 auch wenn die Interpretation noch so korrekt war und der Eingriff am Ende (wenn auch widerwillig) eben doch akzeptiert wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Datenflut und Datenwut<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind heute st\u00e4ndig von Informationen umgeben. Alles, was wir online machen, wird irgendwo gespeichert, jeder unserer Schritte von unseren Handys aufgezeichnet: George Orwell und seine dystopische Vision eines allgegenw\u00e4rtigen \u00dcberwachungsstaats lassen gr\u00fc\u00dfen. Vor Kurzem habe ich zum Beispiel gelesen, dass <a href=\"https:\/\/www.pressetext.com\/news\/20150205002\">britische Polizeikr\u00e4fte<\/a> derzeit Fotos von \u00fcber 20 Millionen Einwohnern (fast einem Drittel der britischen Bev\u00f6lkerung) gespeichert haben \u2013 obwohl die britische Regierung weder eine Strategie f\u00fcr den Umgang mit biometrischen Daten noch eine rechtliche Grundlage f\u00fcr diese \u00fcbergriffige Nutzung von Daten hat.<\/p>\n<p>Auch unsere pers\u00f6nlichen Daten, die wir online preisgeben, sind ein st\u00e4ndiges Angriffsziel f\u00fcr Hacker. Ein besonders emp\u00f6rendes Beispiel daf\u00fcr ist <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/webwelt\/article169293481\/Alle-drei-Milliarden-Yahoo-Accounts-von-Hackerangriff-betroffen.html\">Yahoos Meldung<\/a> (fast f\u00fcnf Jahre nach dem eigentlichen Vorfall), dass alle drei Milliarden Kundenkonten, die das Unternehmen 2013 f\u00fchrte, gehackt worden waren.<\/p>\n<p>Unternehmen sind aber nicht nur Opfer, sondern manchmal auch T\u00e4ter. Vor einigen Jahren flog ich nach Manchester und lieh mir am Flughafen einen Mietwagen. Als ich das Formular am Schalter der Autovermietung ausf\u00fcllte, bat mich der Mitarbeiter, auf einem kleinen Pad mit einem Stift, die beide mit seinem PC verbunden waren, eine elektronische Unterschrift abzugeben. Aus reiner Neugier fragte ich, was das Unternehmen denn mit meiner Unterschrift anstellen w\u00fcrde. Die locker-flockige Antwort lautete: \u201eAch, die wird nach zw\u00f6lf Monaten archiviert.\u201c Archiviert, wohlgemerkt, nicht gel\u00f6scht. Wozu bitte?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-242\" src=\"https:\/\/www.kleinwolfpeters.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/For-RP-Blog-20180124_2.jpeg\" alt=\"\" width=\"6016\" height=\"4000\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Daten, die die Welt verbessern<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist jeder Datenmissbrauch abscheulich, aber wir d\u00fcrfen dar\u00fcber nicht vergessen, wie viel angenehmer unser Leben ist, weil genau diese Daten auch gezielt zu praktischen Zwecken verwendet werden.<\/p>\n<p>Es ist schlie\u00dflich ziemlich m\u00fchselig, ohne Google Maps herauszufinden, wie wir am besten unseren Zielort erreichen und welche Stra\u00dfenbahnen und Z\u00fcge uns dorthin bringen. Und wer will ernsthaft noch in seiner Bank Schlange stehen, um Zahlungen anzuweisen, Geld zwischen zwei Konten zu transferieren und einfach nur den Kontostand einzusehen? Und wahrscheinlich w\u00fcrden wir uns ohne E-Mails, Chats und Tweets, die automatisch auf unseren Smartphones erscheinen, am Ende doch recht einsam und allein auf der Welt f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Die Chancen stehen nicht schlecht, dass wir in einigen zentralen Lebensbereichen k\u00fcnftig von der wachsenden Sammlung und Analyse pers\u00f6nlicher Daten profitieren. Drei Beispiele: Mobilit\u00e4t mit vernetzten Fahrzeugen, die durch die Analyse von Fahrerverhalten und autonome Eingriffe Unf\u00e4lle verhindern und so Leben retten k\u00f6nnen; das Gesundheitswesen, wo wir durch eine umfassendere Nutzung unserer Daten genauere Diagnosen erstellen und allgemeine Entwicklungen f\u00fcr die Gesamtbev\u00f6lkerung identifizieren k\u00f6nnten; und Verwaltungsprozesse, wo durch intensiven Datenaustausch nicht nur gr\u00f6\u00dfere Verantwortlichkeiten, sondern auch neue L\u00f6sungen f\u00fcr Probleme entstehen k\u00f6nnen, zum Beispiel in der Verbrechenspr\u00e4vention.<\/p>\n<p>Von meiner Arbeit in der internationalen Unternehmenskommunikation wei\u00df ich, dass die Welt sich immer st\u00e4rker vernetzt \u2013 im Grunde warte ich eigentlich nur auf den Tag, wenn meine Schuhe mir mitteilen, dass sie mal wieder geputzt werden k\u00f6nnten. Da wir in der Welt von morgen h\u00f6chstwahrscheinlich immer h\u00e4ufiger in bis dato unbekannten Formen mit brandneuer Technik in Ber\u00fchrung kommen werden, m\u00fcssen wir uns wohl oder \u00fcbel daran gew\u00f6hnen, dass uns der technische Fortschritt hin und wieder einen Schlag versetzt. Solange kein Strom dahintersteckt, werde ich das schon aushalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die technologische Entwicklung kennt keine Pause, und um mitzuhalten, m\u00fcssen wir uns st\u00e4ndig anpassen. Immer wieder stellen wir \u00fcberrascht fest, dass Altbew\u00e4hrtes pl\u00f6tzlich anders ist. So versetzte mir k\u00fcrzlich mein unerwartet intelligentes E-Mail-Programm einen geh\u00f6rigen Schock.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":236,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[61,539,65,63,64,66,62],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/235"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=235"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/235\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":248,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/235\/revisions\/248"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/236"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=235"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=235"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=235"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}