{"id":76,"date":"2017-12-07T16:14:41","date_gmt":"2017-12-07T15:14:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kleinwolfpeters.com\/blog\/?p=76"},"modified":"2021-01-11T11:29:32","modified_gmt":"2021-01-11T10:29:32","slug":"identitaet-teil-1-kilts-und-knoedel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/?p=76","title":{"rendered":"Identit\u00e4t 1: Kilts und Kn\u00f6del"},"content":{"rendered":"<p><em>von Colin Rae, aus dem Englischen von Julia Harwardt<\/em><\/p>\n<p><strong>Parallele Welten<\/strong><\/p>\n<p>Als Schotte f\u00fchlt man sich in Bayern schnell daheim, denn wie seine Heimat geh\u00f6rt zwar auch Bayern einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen an, blendet diese Tatsache aber gerne aus. Dass Schottland immer wieder versucht, unabh\u00e4ngig zu werden, ist wohlbekannt; und auch in Bayern gab es in der Geschichte zahlreiche, wenn auch erfolglose Versuche, sich von der Bundesrepublik loszueisen. Ebenso haben Bayern und Schottland beide blau-wei\u00dfe Flaggen und sind f\u00fcr ihre zugegebenerma\u00dfen trinkfreudigen Bewohner bekannt.<\/p>\n<p>Dennoch braucht es mehr als nur ein paar oberfl\u00e4chliche Parallelen, um sich an einem Ort heimisch zu f\u00fchlen. Aber was genau? Ist es ein Segen, zwei L\u00e4nder seine Heimat nennen zu k\u00f6nnen, oder eher ein Fluch, weil ich zwischen zwei Welten sitze? In welcher Beziehung stehen Nationalit\u00e4t und Identit\u00e4t bzw. Sprache und Identit\u00e4t? Nach 15 Jahren in Deutschland denke ich dar\u00fcber nach, wie sich mein Leben seit meiner Ankunft ver\u00e4ndert hat; und angesichts des bevorstehenden Brexits besch\u00e4ftige ich mich auch mit dieser unvorhergesehenen Entwicklung.<\/p>\n<p>Als ich vor fast 15 Jahren nach M\u00fcnchen zog, wusste ich nicht genau, wie lange ich bleiben und wohin mich diese Entscheidung f\u00fchren w\u00fcrde, aber eines wollte ich unbedingt: dazugeh\u00f6ren. Einfach wie einige andere englische Muttersprachler davon auszugehen, dass man mich schon verstehen w\u00fcrde, wenn ich nur laut und langsam genug Englisch spreche, war mir zuwider. Trotzdem traute ich mich anfangs nicht, meine Deutschkenntnisse aus der Highschool auszugraben, und h\u00e4ngte ich mich vorerst nur an andere englische Muttersprachler.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zwei Bier, bitte!<\/strong><\/p>\n<p>Eines Abends fragte mich ein neuer Bekannter aus den USA, der schon einige Jahre in M\u00fcnchen lebte, ob ich mit ihm auf ein Bier gehen wollte. Ich kann mich noch erinnern, wie aufgeregt ich auf dem Weg zu unserem Treffpunkt war, endlich M\u00fcnchens coole Bars und laute Wirtsh\u00e4user zu erkunden. Als er sagte, dass er w\u00fcsste, wo wir ein Bier f\u00fcr einen Euro bekommen k\u00f6nnten, war ich (bzw. der Schotte in mir) sehr beeindruckt. Das \u00e4nderte sich aber schnell.<\/p>\n<p>Er f\u00fchrte mich zu einem Getr\u00e4nkeautomaten im Keller eines sch\u00e4bigen Wohngeb\u00e4udes der Universit\u00e4t, und wir tranken unser Bier irgendwo drau\u00dfen auf einer Treppe. Nun bin ich nicht gerade jemand, der es unbedingt schick oder durchorganisiert braucht, um einen sch\u00f6nen Abend zu verbringen, und ich hatte tats\u00e4chlich auch Spa\u00df daran, einfach nur herumzuh\u00e4ngen. Aber trotzdem lie\u00df mich das Gef\u00fchl nicht los, dass ich nicht am Leben in meiner neuen Heimat teilnahm.<\/p>\n<p>Im Laufe des Abends erkannte ich zudem, dass mein Bekannter den Getr\u00e4nkeautomaten nicht aus Sparsamkeit bevorzugte, sondern weil er so kein Deutsch sprechen und mit der lokalen Bev\u00f6lkerung in Kontakt treten musste. Ich kann mich noch genau daran erinnern, was ich dabei dachte: Erstens konnte ich sogar mit meinem eingerosteten Deutsch ein Bier in einer Kneipe bestellen. Und zweitens wollte ich mich nicht aus Angst vor sprachlichen Schnitzern von neuen Erfahrungen abhalten lassen.<\/p>\n<p>Da ich das Sprachproblem direkt angehen wollte, bat ich meine deutschsprachigen Freunde, k\u00fcnftig m\u00f6glichst Deutsch mit mir zu sprechen. Ich setzte mich an meine B\u00fccher und war entschlossen, erst aufzuh\u00f6ren, wenn ich diese Sprache beherrsche \u2013 zumindest soweit, dass ich allt\u00e4gliche Dinge erledigen konnte, ohne mich komplett zu blamieren. Das stellte mich aber vor einige knifflige Fragen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-96 size-full\" src=\"https:\/\/www.kleinwolfpeters.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/For-CR-Blog-20171202_2.jpg\" alt=\"\" width=\"6000\" height=\"4000\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Expats unter sich<\/strong><\/p>\n<p>Was bedeutet es, als Schotte au\u00dferhalb von Schottland zu leben? Und welchen Ort meinte ich, wenn ich von \u201edaheim\u201c sprach? W\u00fcrde ich meine Herkunft verleugnen, wenn ich mich k\u00fcnftig \u201edeutscher\u201c verhielt? Die Angst, sich selbst zu verlieren, erkl\u00e4rt zumindest ansatzweise, warum viele der anderen Expats, die ich traf, nicht nur sehr stark an ihrer Sprache und ihren Gepflogenheiten festhielten, sondern sich jeder Ver\u00e4nderung heftig und teilweise aggressiv-absch\u00e4tzig verweigerten. Als ob eine andere Mentalit\u00e4t (in diesem Fall die deutsche) irgendeinen Schaden anrichten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ich merkte schnell, dass mein Leben umso angenehmer wurde, je besser ich Deutsch sprach, und erinnere mich noch gut an meine \u201ekleinen Siege\u201c: wenn ich jemand kennenlernte und im Gespr\u00e4ch nicht auf Englisch zur\u00fcckgreifen musste; oder die Leute immer sp\u00e4ter merkten, dass ich gar nicht aus Deutschland kam; und als ich zum allerersten Mal f\u00fcr einen deutschen Muttersprachler gehalten wurde. Aber abgesehen davon war es f\u00fcr mich auch eine Sache des Respekts. Mir war es damals sehr wichtig, nicht f\u00fcr einen dieser englischen Muttersprachler gehalten zu werden, die sich nicht integrieren wollen. Das ging sogar so weit, dass meine Frau, als wir zusammenkamen, dachte, dass ich ihr Englisch schrecklich fand \u2013 weil ich darauf bestand, immer Deutsch mit ihr zu sprechen.<\/p>\n<p>Mit der recht aktiven M\u00fcnchner Expat-Szene wollte ich absolut nichts zu tun haben; umso mehr, wenn ich mich (wenn auch sehr selten) in einer irischen oder australischen Bar wiederfand, wo sich anscheinend ausschlie\u00dflich Expats trafen, um \u00fcber das Leben in Deutschland zu lamentieren. Sie versuchten offenbar auf Teufel komm raus, ihr Leben in Deutschland so englisch, irisch, kanadisch, australisch oder eben schottisch wie m\u00f6glich zu gestalten \u2013 wom\u00f6glich aus Angst, sich sonst selbst zu verlieren.<\/p>\n<p>Aber ist diese Gefahr real? Ich habe zwar bei meinen sp\u00e4teren Reisen ins United Kingdom selbst \u201eumgedrehte\u201c Kulturschocks erlebt und musste mitunter l\u00e4nger nach bestimmten W\u00f6rtern oder Redewendungen suchen, weil mein Gehirn Deutsch als Standardsprache abgespeichert hatte. Aber mir kam das nie schlimm vor. Es war mir nur etwas unangenehm, denn wenn die Zweitsprache in manchen Situationen pl\u00f6tzlich die Erstsprache aussticht, ist das durchaus ein seltsames Gef\u00fchl. Weil meine Kinder in Deutschland geboren wurden, kann ich zum Beispiel problemlos auf Deutsch \u00fcber Schwangerschaft und Geburt sprechen, w\u00e4hrend mir auf Englisch die Fachbegriffe nicht unbedingt gel\u00e4ufig sind.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-75 size-full\" src=\"https:\/\/www.kleinwolfpeters.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/For-CR-blog-20171202.jpg\" alt=\"\" width=\"4608\" height=\"3072\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Same same but different \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Weil ich mich manchmal weder an dem einen noch an dem anderen Ort ganz zuhause f\u00fchle, habe ich beschlossen, das Beste aus beiden Welten mitzunehmen. W\u00e4hrend ich fr\u00fcher bisweilen versucht hatte, die Besonderheiten der einen auf die andere zu \u00fcbertragen, wei\u00df ich heute, dass sich kulturspezifische Gebr\u00e4uche nun einmal nicht kopieren lassen.<\/p>\n<p>Nehmen wir Fish and Chips als Beispiel: Nat\u00fcrlich findet man dieses klassische britische Gericht auch in Deutschland. Aber wenn ich an Fish and Chips denke, dann ist das mehr als nur panierter Fisch und Pommes. Es geht dabei auch um die gesamte Szenerie (das Lokal selbst, die Fliesen, Theke, Spielautomaten, Schilder, nicht zu vergessen die Ger\u00e4usche und Ger\u00fcche), was es auf der Karte gibt, wie man bestellt und wie die Gerichte serviert werden. Stellen Sie sich einfach vor, Sie w\u00fcrden im Ausland ein authentisches bayrisches Wirtshaus suchen \u2026<\/p>\n<p>Was also Fish und Chips f\u00fcr Gro\u00dfbritannien, sind Brezen und Kn\u00f6del f\u00fcr Bayern \u2013 und das ist nun einmal nicht austauschbar. Mein altes Ich nimmt also das Beste meiner alten Heimat und mein neues, ich w\u00fcrde sogar sagen \u201ebesseres\u201c Ich das Beste meiner neuen Heimat mit. Wie sich das Leben aber \u00fcber Nacht \u00e4ndern kann, erfahren Sie im zweiten Teil meines Blogs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie stehen Nationalit\u00e4t und Identit\u00e4t zueinander? Welchen Einfluss hat Sprache auf Identit\u00e4t? Nach fast 15 Jahren als Schotte in Deutschland werfe ich einen Blick zur\u00fcck auf meinen bisherigen Weg \u2013 und im Angesicht des bevorstehenden Brexits auch in die Zukunft.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":75,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[32,124,40,43,41,44,42],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=76"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":267,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76\/revisions\/267"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/75"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=76"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=76"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kleinwolfpeters.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=76"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}