Einen Monat später: Über die Halbwertszeit von Neujahrsvorsätzen

Posted Februar 11, 2026

Englisch

Von Richard Peters

Aus dem Englischen von Solveig Rose

Es geht sicher allen und nicht nur mir so – zumindest hoffe ich das: In den ersten Wochen des neuen Jahres macht sich Unbehagen breit. Nach den fröhlichen Weihnachtsfeiern im Kreise der Familie und der entrückten Sphäre der Festtage erweist sich die Rückkehr in den Alltag oft als harte Landung. Wenn es morgens plötzlich wieder still ist, E-Mails mit Arbeit hereinströmen und der Tag in früher Dunkelheit versinkt, wird klar: Die zwanglose Stimmung der Feiertage ist nicht von Dauer, so sehr wir es uns auch wünschten, sondern ein flüchtiges Hochgefühl im Auf und Ab der Normalität.

Viele von uns werden sich für das neue Jahr etwas fest vorgenommen haben, zum Beispiel eine schlechte Gewohnheit abzulegen. Aber kaum prallen unsere guten Vorsätze auf den Alltag, gerät unsere Entschlossenheit ins Wanken. Im Taumel der Feierlaune schien nichts unmöglich. Aber nun habe ich schon wieder ein Stück Schokolade mehr gegessen, unter der Woche am Wein genippt und das Fitnessstudio geschwänzt (ich wollte ja gehen, aber es hat sooo heftig geschneit). Psychologen sprechen vom „Abstinenzverletzungseffekt“. Er schlägt zu, wenn wir in einem Rückfall nicht einen temporären Verstoß, sondern ein persönliches Versagen sehen, oft verbunden mit Schuld- und Schamgefühlen, Frust und schließlich Aufgabe des gesamten Projekts. Und schon sind die guten Vorsätze dahin.

Es geht aber auch anders. Heute bin ich guten Mutes. Der Februar ist angebrochen und ich wittere einen unverkennbaren Hauch Optimismus in der Luft. Diese Wahrnehmung ist teilweise einer rein physiologischen Reaktion auf die wieder länger werdenden Tage und die milderen Temperaturen geschuldet – sozusagen das Gegenstück zum Winterblues. Unter der längeren Lichteinstrahlung und den wärmeren Temperaturen erwachen unsere Lebensgeister auf natürliche Weise aus dem Winterschlaf. Der Übergang vom Winter in den Frühling ist ein langsamer, fast unmerklicher Prozess. Das gilt gleichermaßen, wenn wir ein Verhalten dauerhaft ändern wollen. Schließlich ist Geduld eine Tugend und Rom wurde nicht an einem Tag erbaut! Im Spannungsfeld zwischen Ankündigung eines neuen Verhaltens und dessen unumstößlicher Verankerung im Alltag entscheidet sich, ob gute Vorsätze scheitern oder fruchten.

Ob es darum geht, sich nicht vor sportlicher Betätigung zu drücken, das Smartphone beiseite zu legen oder Selbstzweifeln keine Chance zu geben – alte Verhaltensmuster zu durchbrechen, ist selten eine Frage mangelnden Willens. Wir scheitern, weil wir uns in alten Gewohnheiten geborgen fühlen. Sie sind uns vertraut, einfach und tröstend. Neue zu schaffen, ist nicht nur mühsam, sondern auch unbequem: Ich muss mich zwingen, etwas zu tun, was mir zunächst einmal widerstrebt, aber meine Vernunft für das langfristig Beste für mich hält.

Was kann ich tun, um meine Erfolgschancen gegenüber meinem inneren Schweinehund zu stärken? Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Erkenntnis, dass wir soziale Wesen sind. Wenn wir tiefgreifende persönliche Veränderungen herbeiführen wollen, gilt es, Hintertüren zu schließen und unsere Ziele Freunden oder der Familie mitzuteilen. Damit ist gesichert, dass sich noch jemand anderes dafür einsetzt, dass wir unsere Ziele erreichen – so, als hätte man einen Mitstreiter: Während man als Einzelkämpfer schnell der Versuchung erliegt, einfach im Sessel sitzen zu bleiben, lässt man ein Team nicht so leicht im Stich, sondern rafft sich eher auf, das Haus mit der Sporttasche zu verlassen. Und sollte man doch einmal in einem schwachen Moment der Versuchung nachgeben, ist es leichter, auf den Pfad der Tugend zurückzufinden, wenn man seinen Fehltritt jemandem beichtet – statt stillschweigend das Handtuch zu werfen.

Wenn also die Entschlossenheit nach einem Monat ins Wanken gerät, ist das kein Versagen, sondern ein natürliches Phänomen in einem Umgewöhnungsprozess. Die Rückkehr zur Normalität, die Kapriolen alter Gewohnheiten, die Sehnsucht nach Sonnenschein und Wärme – sie alle gehören zur Kür des Lebens im Tanz durch die Jahreszeiten. Aber der Frühling wird kommen und mit ihm die Beständigkeit. Bis dahin heißt es: durchhalten und weitermachen – Schritt für Schritt.

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