Mehr Mehrsprachigkeit braucht die Welt

Posted August 31, 2022

Englisch

Von Solveig Rose-Mollard

Rund ein Drittel aller Kinder in Deutschland hat heutzutage einen Migrationshintergrund. So ist es kaum verwunderlich, dass immer mehr Menschen mit mehr als einer Sprache aufwachsen. Die Vorurteile der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wonach Mehrsprachigkeit zu unterentwickelter Intelligenz und Sprachverwirrung sorge, sind heute wissenschaftlich wie gesellschaftlich weitgehend ausgeräumt und den Vorteilen gewichen, die kaum mehr jemand anzweifelt: Mehrsprachig aufwachsenden Kindern wird ein gutes Sprachgefühl, das den Erwerb weiterer Sprachen erleichtert, nachgesagt ebenso wie ein ausgeprägtes Sprachverständnis. Zudem besitzen sie oft hervorragende kognitive Fähigkeiten, die ihnen auch auf anderen Gebieten – beispielsweise mathematischer oder technischer Natur – von Nutzen sind. Nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt kann es sich ferner positiv auswirken, mehrere Sprachen fließend zu sprechen.

Mehr oder weniger mehrsprachig

Weitaus umstrittener ist hingegen die Definition von Mehrsprachigkeit, ist die Wissenschaft doch uneins, ab wann und in welchem Maße man von Sprachbeherrschung auf muttersprachlichem Niveau sprechen kann (wobei vielen auch der Begriff „Muttersprache“ ein Dorn im Auge ist, die Diskussion hierüber jedoch den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde). Allgemein unterschieden werden simultane und konsekutive Bilingualität. Während Erstere Kinder betrifft, die von Tag 1 mit zwei Sprachen aufwachsen – etwa, weil die Eltern unterschiedlicher Herkunft sind – kommt bei Letzterer die Zweitsprache erst ab einem Alter von drei Jahren hinzu – beispielsweise, wenn das Kind aus einem einsprachigen Familienumfeld in Krippe oder Kindergarten mit einem anderssprachigen Gesellschaftsumfeld konfrontiert wird. Generell hat sich herausgestellt, dass Kinder sich bis zu sieben Jahren eine oder mehrere Sprachen auf muttersprachlichem Niveau aneignen können. Dabei erweist sich die Pädagogik in ihrem Anspruch deutlich milder als die Community der Sprachexpertinnen und -experten. Sie beschreibt Zweisprachigkeit gemeinhin als die „Fähigkeit, spontan eine zweite Sprache erfolgreich zu gebrauchen, wenn die Handlungssituation es empfiehlt“. Dies lässt jedoch durchaus Diskrepanzen in der Sprachbeherrschung zu. In der Dolmetscherpraxis hingegen gilt als sogenannte A-Sprache nur diejenige, die fehler- und akzentfrei mit umfassendem Wortschatz und ausgeprägter Flexibilität beherrscht wird.

So viel mehr als Sprache

Einwandfreie Sprachkompetenz hin oder her: Das Erlernen einer Sprache ist im plurilingualen Kontext in den meisten Fällen nur die sicht- und hörbare Spitze des Eisbergs. Denn an Sprache hängt so viel mehr als nur Vokabular und Grammatik. Sie transportiert Kultur und Lebenseinstellungen und beeinflusst sogar unser Denken.

So vermitteln Eltern unterschiedlicher Nationalitäten ihren Kindern nicht nur das Wort ihres Herkunftslandes, sondern automatisch auch die Art der Darbietung – langsamer oder schneller Duktus, Überlappungen von Redebeiträgen (hierzulande besser bekannt als „Ins-Wort-fallen“) oder würdigende Pausen dazwischen können Sprachen charakterisieren. Während es in manchen Sprachen gute Sitte ist, (aus deutscher Sicht wohlgemerkt) um den heißen Brei herumzureden, setzen andere auf „Butter bei die Fische“. Nicht umsonst kommt es somit unter Angehörigen verschiedener Nationalitäten trotz umfangreicher Englischkenntnisse regelmäßig zu Missverständnissen und Unstimmigkeiten, weil die einen die „Andeutungen“ der anderen nicht als konkrete Aufforderung verstehen und sich Letztere wiederum ob des rüden Tons Ersterer vor den Kopf gestoßen fühlen.

Durch die Berührung mit dem Ursprungsland der Eltern lernen Kinder jedoch auch dessen Gepflogenheiten, Traditionen und Lebensweisheiten kennen. Ob Religion, Familienfeste, Tischmanieren oder Verhalten in Alltagssituationen: Selbst kulturell scheinbar nah verwandte Nationen weisen viele kleine und große Unterschiede zueinander auf, derer sich die jeweiligen Sprecherinnen und Sprecher in den seltensten Fällen bewusst sind. Das führt bestenfalls zu gegenseitigem Interesse, oftmals dazu, dass man einander belächelt („Die spinnen, die …“) und schlimmstenfalls zu Vorurteilen und Anfeindungen. Kinder jedoch, die mehr als eine Sprache und damit auch Kultur in die Wiege gelegt bekommen, kennen diese mehr oder minder unterschiedlichen Welten und zeigen sich tendenziell auch weiteren Lebensarten gegenüber tolerant und aufgeschlossen.

Im Zweifel für mehr Mehrsprachigkeit

Nun sollen keineswegs die möglichen Probleme, die Mehrsprachigkeit mit sich bringen kann, unter den Teppich gekehrt werden. Wahr ist, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder bisweilen Schwierigkeiten haben, ihre Muttersprachen zu trennen, oder keine Sprache auf wahrhaft muttersprachlichem Niveau beherrschen. Wahr ist auch, dass sich manche plurilingual und multikulturell aufgewachsene Menschen keinem Sprach- und Kulturkreis hundertprozentig zugehörig fühlen und womöglich um ihre Identität ringen.

Wahr ist aber auch, dass Mehrsprachigkeit nicht individuell, sondern auch kollektiv enormes Potenzial bietet. Denn wenn in einer Gesellschaft mehrere Sprachen und Kulturen nicht mehr nur kohabitieren, sondern auf ein und derselben Person vereint sind, besteht die Hoffnung, dass sich ihre Mitglieder anderen stärker öffnen und verständnisvoller gegenübertreten. Angesichts dessen, was sich derzeit sowohl in öffentlichen politischen Konflikten als auch in privaten Alltagssituationen abspielt, scheint eine verstärkte Sensibilisierung für kulturelle Unterschiede dringend notwendig zu sein. Und wenn sie einen jungen Menschen (fast) mühelos von der Pike auf begleitet – umso besser!

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